Der
erste bewusste Eindruck von Santiago war ein abgerissener Heavy mit
einem Motörhead T-Shirt das er offensichtlich auf einem ihrer
ersten Konzerte überhaupt Lemmy selbst von Leib gerissen haben
musste. Er stand in irgendeinem Vorort und nach einem ewigen Flug
unter reizarmen Bedingungen ist das ja durchaus erfreulich, lässt
es doch auf einen ungemein exquisiten Musikgeschmack der Chilenen
schliessen. Generell habe ich seit langem nicht mehr so viele Heavies
gesehen wie in Santiago. Bands wie Pantera, Iron Maiden und Sepultura
scheinen dort für ihre Rente zu arbeiten, zumindest gemessen
an diesen billigen T-Shirts die man in den frühen 90ern auch
bei uns durch die Strassen getragen hat. Das Kontrastprogramm lässt
auch nicht lange auf sich warten, der Taxler macht das Radio an und
Chris de Burghs Schmachtfetzen "Lady in Red" versaut mir
die Ankunft. Aber dennoch: ich muss eine Lanze für so manchen
chilenischen Radiosender brechen, die stehen dem Zündfunk und
FM4 in nichts nach.
Gut dass wir ein kleines Radio dabeihatten!
Der
Reiseführer beschreibt Santiago nicht gerade wohlwollend, aber
nachdem wir ein Zimmer gonommen hatten überzeugen wir uns bald
vom Gengenteil. Mit La Paz kann sich die Stadt sicher nicht messen,
auch fehlt ihr ein wenig der Charme, aber so unausstehlich wie im
Reiseführer beschrieben ist Santiago bei weitem nicht. Wenn
man wie wir zwischen den Bergtouren nur ein oder zwei Tage in der
Stadt ist kann mans durchaus aushalten - wenn man die guten Cafes
und Restaurants mal gefunden hat um sich von den Ausflügen zum
Mercado Central und zum Parque Municipal zu erholen. Das einzige
was wir nicht finden ist eine Möglichkeit zu unserem ersten
Bergziel zu kommen.
Letztlich
lassen wir uns von einem Taxi zum Refugio Lo Valdez im Cajun del
Maipo bringen. Auf dem Weg registrieren wir uns bei den Carabinieros
in San Gabriel. Man gibt hier so eine Art Selbstauskunft; ob man
in der Lage ist einen der Berge zu besteigen, ob man vernünftig
ausgerüstet ist usw. und verlässt die Station durchaus
mit dem Gefühl dass nach einem gesucht würde wenn man am
angegebenen Datum nicht wieder zurück ist. Kurz wurde es spannend,
denn anders als im Führer (Panico: Die Anden) angegeben fragte
man uns nach einer Erlaubnis die Berge an der Grenze zu Argentinien
zu besteigen. Nach einiger Diskussion und drei Telefonaten von denen
wir nur verstanden, dass die Carabinieros sich wohl selbst nicht
einig waren, haben sie die Erlaubnis für uns bei CONAF beantragt
und wünschten uns viel Spass beim Bergsteigen. Ob ein deutscher
Polizist einem chilenischen Touristen aus freien Stücken irgendeine
Genehmigung beantragt und diesen im Vertrauen darauf, dass die Genehmigung
schon ausgestellt würde, weiterziehen liesse?
Das
Refugio Lo Valdez (ehemaliges Rufugio Aleman des deutschen Andenvereins)
liegt am Hang über Banjos Morales und ist eine grüne Oase
inmitten des ganzen rotbraunen Schotters der hier die Anden auszeichnet.
Im Garten lässt es sich lange aushalten und Rotwein gibt es
auch... einzig die LKW auf der Minenstrasse stören das Idyll.
Sie fahren Tag und Nacht und gehören sprichwörtlich in
die Landschaft. Am nächsten Morgen machen wir uns auf der staubigen
Minenstrasse bei gefühlten 38°C auf Richtung San Jose. Nach
zwei Stunden monotonem Haatsch und zahllosen Staubduschen durch vorbeifahrende
LKW konnten wir die Strasse endlich Richtung Vella dl la Engorda
verlassen. Allerdings nicht ohne vorher von dem örtlichen Bauern
um je 1000 Pesos erleichtert zu werden. Ich würds ja wahrscheinlich
auch probieren, wenns mein Acker wäre, aber wir haben später
erfahren, das diese Praxis illegal ist und mehrere Verfahren gegen
ihn laufen. Also der Rat an die Nachahmer: nicht zahlen, trotzdem
weitergehen. Eine halbe Stunde später sieht man endlich das
weite Valle de la Engorda, eigentlich ein grosses, altes Flussbett
in dem Ziegen und Pferde nach essbarem suchen. Wir halten uns auf
der rechten Seite des Estero de la Engorda und gehen in Richtung
El Morro, diesen Felsklotz haben wir schon vom Refugio aus gesehen.
Alle paar hundert Meter ist das Tal von kleinen, klaren Bächen
unterbrochen und bietet viele hervorragende Zeltplätze. Wir
gehen noch zur Talseite unterhalb des San Jose und schlagen dort
das Zelt für die erste Nacht auf. An dieser Stelle richten wir
auch das Depot mit dem Essen und Gas für den Marmolejo ein und
sind froh um die deutlich leichteren Rucksäcke. Aus irgendeinem
Grund spiele ich mit dem GPS und markiere zum Spass das Depot; das
war sinnvoll, denn als wir am nächsten Tag den Talboden von
oben sehen wird uns klar, dass man das Depot ohne das GPS kaum wiederfinden
wird. Lauter kleine Bäche winden sich durch die Steine, daneben
Sträucher und Ziegen und Pferde. Das ganze ist so wellig, dass
man selten weiter als 50 Meter sieht, und 100 Meter weiter sieht
alles wieder so aus wie zuvor. Die Richtung kann man hier schon halten,
aber ein Steinmandl finden unter dem unser Futter liegt?
Der Weg zum Basislager
ist nicht zu verfehlen und führt am Ende über Wiesen zu
einem kleinen Bach an dem das winzige Refugio Plantat steht. Das
ganze ist ein einfaches Steinhaus, unbewirtschaftet, und bietet vier
oder 6 Personen Platz. Generell sollte man sich von dem Wort Refugio
in den Anden nicht täuschen lassen. Bei uns würde man die
meisten Refugios maximal Biwakschachtel nennen. Bewirtschaftet oder
grösser als ein paar Qudratmeter sind sie fast nie.
Als wir ankamen empfing uns Nelson, der sich ehrenamtlich um das
Refugio kümmert.
Leider bedeutet das für ihn in der Hauptsache den von Bergsteigern dort
gelassenen Müll ins Tal zu schaffen. Aus irgendeinem Grund fühlt
er sich dem Berg und dem Refugio verbunden und hatte haarkleine Informationen über
die Route für uns. Nelson ist Künstler und das sieht man der Anstiegsskizze
die er uns geschenkt hat auch an. Sie steht jetzt im Wohnzimmer. Leider erzählt
uns Nelson auch, dass gerade drei Chilenen im Camp I festhängen und wegen
des Neuschnees nicht weiterkommen. Schon der Wirt des Refugio Valdez sagte
uns, dass es viel Schnee hätte…aber von der Ferne sah eigentlich
alles ganz prima aus. Man fällt doch immer wieder drauf rein, es ist halt
doch mehr als ein Berg, schon fast ein Gebirge- und da verschieben sich die
Dimensionen merklich. Wir stellten das Zelt auf und feierten das zweite Speckfest.
Gegen Nachmittag begann es erst zu regnen, dann zu graupeln und als wir gerade
vom nahegelegenen Josecito abstiegen begann es zu schneien. Am nächsten
Morgen ist bestes Wetter, und wir gehen zur Akklimatisation Richtung Camp I.
Beim Aufstieg treffen wir die drei Chilenen die absteigen. Sie berichten vor
allem von viel Schnee, 15 bis 20cm in der letzten Nacht. Klar, das was im Basislager
Regen war ist im Camp I Schnee. Als wir ins Basislager zurückkommen steigt
Nelson zusammen mit den anderen ab und wir sind erst mal allein. Gegen Abend
kommt ein chilenischen Pärchen rauf und macht sichs im Refugio bequem.
Es beginnt wieder zu schneien, dazu Gewitter. Diesmal gehen wir ohne Speck
ins Bett und nehmen uns vor, am nächsten Morgen ins Camp I überzusiedeln.
Daraus wird nichts.
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Der
nächste Morgen lässt das Zelt unter der Schneelast fast
zusammenbrechen. 30 Zentimenter hat es in der Nacht geschneit.
Ganz nasses, schweres und pappiges Zeug. Keine guten Aussichten.
Es wird in den nächsten Tagen nicht besser. Immer wieder Regen,
Schnee und Graupel. Vormittags blauer Himmel und brennende Sonne,
abends Novemberwetter. Wir haben uns inzwischen mit Hector und
Andrea zusammengetan um uns die Spurerei zu teilen. Einen Tag später
probieren wirs doch und brauchen für den Weg zum Lager 1,
kaum 1000hm, zu viert mit gemeinsamer Spurarbeit sieben Stunden.
In Lager
I beginnen wir sofort damit die Zelte aufzubauen. Als ich Verena
eine Stange
hinüberreiche und diese kurz senkrecht in die Höhe steht
vibriert meine Hand und es hört sich an wir in der Hochspannungsabteilung
des Deutschen Museums. Zunächst nehme ich es nicht wirklich
war, stecke die nächste Stange zusammen und führe dieselbe
Bewegung nochmal aus. Wieder dasselbe. Diesmal haben es alle mitbekommen,
die Bewegungen erstarren und man blickt sich unsicher um. Ich glaube
ohne es abzusprechen, fangen Verena und ich an die Rucksäcke
wieder einzupacken. Erst jetzt bemerken wir, dass die Luft von Elektrizität
nur so steht und ein paar Meter über uns eine kompakte, unwirklich
plastische Wolkendecke liegt. Verena und mir ist klar, das wir hier
weg müssen; so schnell wie es nur irgend geht. Hector und Andrea
sehen die Sache scheinbar anders. Zumindest diskutieren sie wild
während wir zusammenräumen; dann stehen sie herum. Es macht
mich auch so nervös, Zeit beim Bergsteigen durch Trödelei
zu verlieren, aber jetzt wo es darauf ankommt bin ich eher irritert
von so viel abgebrühtheit und der herumsteherei. Sie ziehen
ernsthaft in Erwägung oben zu bleiben! Hector verabschiedet
sich von uns mit dem Wunsch "pray for us".
Verena und
ich laufen nach unten, so schnell wir können bis wir die Wolken
wieder deutlich über uns haben. Wir geben weiter Gas, aber der
Tag steckt uns in den Knochen, getrunken haben wir seit fünf
Stunden nichts mehr. Knapp vor dem rettenden Übergang aus dem
Valle de nieve heraus holt uns das Gewitter doch noch ein. Kurz vor
einer exponierten Stelle wird es zu riskant: wir müssten 200
Meter über einen recht ausgeprägten Grat der auch noch
einen Gipfel hat. Ich habe ein sehr schlechtes Gefühl und werfe
den Rucksack hinter einen Stein, nehme im weglaufen die Isomatte
und finde einen halbwegs windgeschützen Flecken hinter einem
Fels. Verena kommt nach und wir warten. Und wir hören den Reissverschlüssen
der Jacken beim Singen zu.
Später im
Basislager wird uns klar, dass am San Jose nichts zu machen ist.
Auch der Marmolejo ist damit erledigt, dort sollte schliesslich noch
mehr Schnee liegen. Die halbe Nacht geht das Gewitter weiter und
wir entscheiden abzusteigen und es gut sein zu lassen. Wir fahren
wieder nach Santiago. Dort gibt es zuallererst mal Pisco Sour, dann
Steaks und einen Tag später fahren wir zum Del Plomo.. Der Berg
ist etwas niedriger, ca. 5400m (es gibt auch den El Plomo, ca. 6100m;
je nach Karte werden die Namen scheinbar wechselweise verwendet...)
und wir hoffen, dort bessere Verhältnisse anzutreffen. Wir quälen
uns die erodierten Skipüisten oberhalb von La Parva in der drückenden
Hitze hinauf und haben Glück, dass uns einer der Lifterer in
seinem PickUp mitnimmt. Endlich an der Laguna de La Parva denken
wir es ist nicht mehr weit. Das GPS zeigt 5km Luftlinie an, doch
zwischen uns und dem Basislager liegen noch 3 Täler. Quer zur
Route. 6 Stunden und 1300hm später -gefühlt mit Gepack
und Unlust ca. 2500- finden wir einen schönen Zeltplatz am Basislager
La Hoya. Einzig Wasser ist nur in mangelhafter Qualität verfügbar
und Verena ist ewig unterwegs bis sie brauchbares, klares Wasser
findet. Der nächste Tag beginnt früh, vier oder 5 Stunden
später sind wir im Lager 1. Der abwechslungsreiche Weg ist unproblematisch,
einzig der viele Schnee lässt gelegentlich anstrenge Querungen
in Schnee- oder Matschfelder aufkommen. Das Hochlager ist perfekt
gelegen. Ein Panoramablick nach Westen in den Sonnenuntergang, nach
Süden der Anstieg zum Plomo zu den anderen Seiten steile Fels
und Eiswände. Fliessendes Wasser finden wir wieder erwarten
auch...was will man mehr.
Gegen 7
Uhr am Abend, wir wollen gerade zu Bett gehen, frischt der Wind auf.
zunächst
nur eher schwach, doch schon bald wird das Zelt recht ordentlich
hin und hergebeutelt. Wir schlafen kaum eine Stunde in dieser Nacht.
um 3 geht der Wecker, doch ohne nur aus dem Zelt zu schauen ist klar,
dass es bei diesem Wind nicht geht. Um 5 geht der Wecker ein zweites
mal. Der Wind bläst noch genauso unablässig, doch zwei
Lampen, die sich die Serpentinen am Normalweg hochschlchlängeln
lassen meinen Ehrgeiz aufkommen. Wir kochen Cappucino, eine Powerbar,
ein Gel und wir sind auf dem Weg. Wir sind gut akklimatisiert, können
uns auf 4500m noch bewegen wie auch zu Hause in den Alpen und haben
die beiden Chilenen, denen die Lampen gehörten in einer Stunde üeberholt.
Der Wind hat scheinbar nachgelassen, doch als wir die Steilflanke
unterhalb des Plateaus (ca. 4900m) hoch gehen wird der Wind mit jedem
Schritt stärker. Eine halbe Stunde später stehen wir im
Orkan. Die Augen kann man vor lauter Eis das durch die Luft fliegt
kaum noch aufhalten und kalt ist es sowieso seit Stunden. Im ersten
Tageslicht sehen wir von Osten dunkle, kompakte Wolken heranziehen.
Der Schreck vom San Jose lässt uns dann -aus heutiger Sicht
zu früh- umkehren. Um acht Uhr morgens liegen wir wieder im
Zelt, später vernichten wir die Vorräte und machen uns
vollgefuttert an den Abstieg. Wir wollen sofort nach Santiago und
ziehen die 17 Kilometer und 1300hm (ja! auch im "Abstieg" warten
die! was für ein Scheiss; diesmal geht man nämlich die
Talseiten heinauf, die man im Zustieg hinabgelaufen ist...) in 6
Stunden durch. In der Nähe der Laguna La Parva treffen wir Leute
mit einem Jeep. Sie kommen von der Eleonara, und für Chilenische
Bergsteiger ist es ganz selbstverständlich, dass sie uns mir
nach Santiago nehmen. Ich sitze im Jeep und bin glücklich: Es
ist nicht so richtig normal eine Mitfahrgelegenheit z.B. aus der
Eng nach München zu bekommen; man riecht schon nach den paar
Tagen wie ein nasser Otter...
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