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Chile 2008
 

Der erste bewusste Eindruck von Santiago war ein abgerissener Heavy mit einem Motörhead T-Shirt das er offensichtlich auf einem ihrer ersten Konzerte überhaupt Lemmy selbst von Leib gerissen haben musste. Er stand in irgendeinem Vorort und nach einem ewigen Flug unter reizarmen Bedingungen ist das ja durchaus erfreulich, lässt es doch auf einen ungemein exquisiten Musikgeschmack der Chilenen schliessen. Generell habe ich seit langem nicht mehr so viele Heavies gesehen wie in Santiago. Bands wie Pantera, Iron Maiden und Sepultura scheinen dort für ihre Rente zu arbeiten, zumindest gemessen an diesen billigen T-Shirts die man in den frühen 90ern auch bei uns durch die Strassen getragen hat. Das Kontrastprogramm lässt auch nicht lange auf sich warten, der Taxler macht das Radio an und Chris de Burghs Schmachtfetzen "Lady in Red" versaut mir die Ankunft. Aber dennoch: ich muss eine Lanze für so manchen chilenischen Radiosender brechen, die stehen dem Zündfunk und FM4 in nichts nach. Gut dass wir ein kleines Radio dabeihatten!

Der Reiseführer beschreibt Santiago nicht gerade wohlwollend, aber nachdem wir ein Zimmer gonommen hatten überzeugen wir uns bald vom Gengenteil. Mit La Paz kann sich die Stadt sicher nicht messen, auch fehlt ihr ein wenig der Charme, aber so unausstehlich wie im Reiseführer beschrieben ist Santiago bei weitem nicht. Wenn man wie wir zwischen den Bergtouren nur ein oder zwei Tage in der Stadt ist kann mans durchaus aushalten - wenn man die guten Cafes und Restaurants mal gefunden hat um sich von den Ausflügen zum Mercado Central und zum Parque Municipal zu erholen. Das einzige was wir nicht finden ist eine Möglichkeit zu unserem ersten Bergziel zu kommen.

Letztlich lassen wir uns von einem Taxi zum Refugio Lo Valdez im Cajun del Maipo bringen. Auf dem Weg registrieren wir uns bei den Carabinieros in San Gabriel. Man gibt hier so eine Art Selbstauskunft; ob man in der Lage ist einen der Berge zu besteigen, ob man vernünftig ausgerüstet ist usw. und verlässt die Station durchaus mit dem Gefühl dass nach einem gesucht würde wenn man am angegebenen Datum nicht wieder zurück ist. Kurz wurde es spannend, denn anders als im Führer (Panico: Die Anden) angegeben fragte man uns nach einer Erlaubnis die Berge an der Grenze zu Argentinien zu besteigen. Nach einiger Diskussion und drei Telefonaten von denen wir nur verstanden, dass die Carabinieros sich wohl selbst nicht einig waren, haben sie die Erlaubnis für uns bei CONAF beantragt und wünschten uns viel Spass beim Bergsteigen. Ob ein deutscher Polizist einem chilenischen Touristen aus freien Stücken irgendeine Genehmigung beantragt und diesen im Vertrauen darauf, dass die Genehmigung schon ausgestellt würde, weiterziehen liesse?

Das Refugio Lo Valdez (ehemaliges Rufugio Aleman des deutschen Andenvereins) liegt am Hang über Banjos Morales und ist eine grüne Oase inmitten des ganzen rotbraunen Schotters der hier die Anden auszeichnet. Im Garten lässt es sich lange aushalten und Rotwein gibt es auch... einzig die LKW auf der Minenstrasse stören das Idyll. Sie fahren Tag und Nacht und gehören sprichwörtlich in die Landschaft. Am nächsten Morgen machen wir uns auf der staubigen Minenstrasse bei gefühlten 38°C auf Richtung San Jose. Nach zwei Stunden monotonem Haatsch und zahllosen Staubduschen durch vorbeifahrende LKW konnten wir die Strasse endlich Richtung Vella dl la Engorda verlassen. Allerdings nicht ohne vorher von dem örtlichen Bauern um je 1000 Pesos erleichtert zu werden. Ich würds ja wahrscheinlich auch probieren, wenns mein Acker wäre, aber wir haben später erfahren, das diese Praxis illegal ist und mehrere Verfahren gegen ihn laufen. Also der Rat an die Nachahmer: nicht zahlen, trotzdem weitergehen. Eine halbe Stunde später sieht man endlich das weite Valle de la Engorda, eigentlich ein grosses, altes Flussbett in dem Ziegen und Pferde nach essbarem suchen. Wir halten uns auf der rechten Seite des Estero de la Engorda und gehen in Richtung El Morro, diesen Felsklotz haben wir schon vom Refugio aus gesehen. Alle paar hundert Meter ist das Tal von kleinen, klaren Bächen unterbrochen und bietet viele hervorragende Zeltplätze. Wir gehen noch zur Talseite unterhalb des San Jose und schlagen dort das Zelt für die erste Nacht auf. An dieser Stelle richten wir auch das Depot mit dem Essen und Gas für den Marmolejo ein und sind froh um die deutlich leichteren Rucksäcke. Aus irgendeinem Grund spiele ich mit dem GPS und markiere zum Spass das Depot; das war sinnvoll, denn als wir am nächsten Tag den Talboden von oben sehen wird uns klar, dass man das Depot ohne das GPS kaum wiederfinden wird. Lauter kleine Bäche winden sich durch die Steine, daneben Sträucher und Ziegen und Pferde. Das ganze ist so wellig, dass man selten weiter als 50 Meter sieht, und 100 Meter weiter sieht alles wieder so aus wie zuvor. Die Richtung kann man hier schon halten, aber ein Steinmandl finden unter dem unser Futter liegt?

Der Weg zum Basislager ist nicht zu verfehlen und führt am Ende über Wiesen zu einem kleinen Bach an dem das winzige Refugio Plantat steht. Das ganze ist ein einfaches Steinhaus, unbewirtschaftet, und bietet vier oder 6 Personen Platz. Generell sollte man sich von dem Wort Refugio in den Anden nicht täuschen lassen. Bei uns würde man die meisten Refugios maximal Biwakschachtel nennen. Bewirtschaftet oder grösser als ein paar Qudratmeter sind sie fast nie.
Als wir ankamen empfing uns Nelson, der sich ehrenamtlich um das Refugio kümmert. Leider bedeutet das für ihn in der Hauptsache den von Bergsteigern dort gelassenen Müll ins Tal zu schaffen. Aus irgendeinem Grund fühlt er sich dem Berg und dem Refugio verbunden und hatte haarkleine Informationen über die Route für uns. Nelson ist Künstler und das sieht man der Anstiegsskizze die er uns geschenkt hat auch an. Sie steht jetzt im Wohnzimmer. Leider erzählt uns Nelson auch, dass gerade drei Chilenen im Camp I festhängen und wegen des Neuschnees nicht weiterkommen. Schon der Wirt des Refugio Valdez sagte uns, dass es viel Schnee hätte…aber von der Ferne sah eigentlich alles ganz prima aus. Man fällt doch immer wieder drauf rein, es ist halt doch mehr als ein Berg, schon fast ein Gebirge- und da verschieben sich die Dimensionen merklich. Wir stellten das Zelt auf und feierten das zweite Speckfest. Gegen Nachmittag begann es erst zu regnen, dann zu graupeln und als wir gerade vom nahegelegenen Josecito abstiegen begann es zu schneien. Am nächsten Morgen ist bestes Wetter, und wir gehen zur Akklimatisation Richtung Camp I. Beim Aufstieg treffen wir die drei Chilenen die absteigen. Sie berichten vor allem von viel Schnee, 15 bis 20cm in der letzten Nacht. Klar, das was im Basislager Regen war ist im Camp I Schnee. Als wir ins Basislager zurückkommen steigt Nelson zusammen mit den anderen ab und wir sind erst mal allein. Gegen Abend kommt ein chilenischen Pärchen rauf und macht sichs im Refugio bequem. Es beginnt wieder zu schneien, dazu Gewitter. Diesmal gehen wir ohne Speck ins Bett und nehmen uns vor, am nächsten Morgen ins Camp I überzusiedeln. Daraus wird nichts.

Der nächste Morgen lässt das Zelt unter der Schneelast fast zusammenbrechen. 30 Zentimenter hat es in der Nacht geschneit. Ganz nasses, schweres und pappiges Zeug. Keine guten Aussichten. Es wird in den nächsten Tagen nicht besser. Immer wieder Regen, Schnee und Graupel. Vormittags blauer Himmel und brennende Sonne, abends Novemberwetter. Wir haben uns inzwischen mit Hector und Andrea zusammengetan um uns die Spurerei zu teilen. Einen Tag später probieren wirs doch und brauchen für den Weg zum Lager 1, kaum 1000hm, zu viert mit gemeinsamer Spurarbeit sieben Stunden.

In Lager I beginnen wir sofort damit die Zelte aufzubauen. Als ich Verena eine Stange hinüberreiche und diese kurz senkrecht in die Höhe steht vibriert meine Hand und es hört sich an wir in der Hochspannungsabteilung des Deutschen Museums. Zunächst nehme ich es nicht wirklich war, stecke die nächste Stange zusammen und führe dieselbe Bewegung nochmal aus. Wieder dasselbe. Diesmal haben es alle mitbekommen, die Bewegungen erstarren und man blickt sich unsicher um. Ich glaube ohne es abzusprechen, fangen Verena und ich an die Rucksäcke wieder einzupacken. Erst jetzt bemerken wir, dass die Luft von Elektrizität nur so steht und ein paar Meter über uns eine kompakte, unwirklich plastische Wolkendecke liegt. Verena und mir ist klar, das wir hier weg müssen; so schnell wie es nur irgend geht. Hector und Andrea sehen die Sache scheinbar anders. Zumindest diskutieren sie wild während wir zusammenräumen; dann stehen sie herum. Es macht mich auch so nervös, Zeit beim Bergsteigen durch Trödelei zu verlieren, aber jetzt wo es darauf ankommt bin ich eher irritert von so viel abgebrühtheit und der herumsteherei. Sie ziehen ernsthaft in Erwägung oben zu bleiben! Hector verabschiedet sich von uns mit dem Wunsch "pray for us".

Verena und ich laufen nach unten, so schnell wir können bis wir die Wolken wieder deutlich über uns haben. Wir geben weiter Gas, aber der Tag steckt uns in den Knochen, getrunken haben wir seit fünf Stunden nichts mehr. Knapp vor dem rettenden Übergang aus dem Valle de nieve heraus holt uns das Gewitter doch noch ein. Kurz vor einer exponierten Stelle wird es zu riskant: wir müssten 200 Meter über einen recht ausgeprägten Grat der auch noch einen Gipfel hat. Ich habe ein sehr schlechtes Gefühl und werfe den Rucksack hinter einen Stein, nehme im weglaufen die Isomatte und finde einen halbwegs windgeschützen Flecken hinter einem Fels. Verena kommt nach und wir warten. Und wir hören den Reissverschlüssen der Jacken beim Singen zu.

Später im Basislager wird uns klar, dass am San Jose nichts zu machen ist. Auch der Marmolejo ist damit erledigt, dort sollte schliesslich noch mehr Schnee liegen. Die halbe Nacht geht das Gewitter weiter und wir entscheiden abzusteigen und es gut sein zu lassen. Wir fahren wieder nach Santiago. Dort gibt es zuallererst mal Pisco Sour, dann Steaks und einen Tag später fahren wir zum Del Plomo.. Der Berg ist etwas niedriger, ca. 5400m (es gibt auch den El Plomo, ca. 6100m; je nach Karte werden die Namen scheinbar wechselweise verwendet...) und wir hoffen, dort bessere Verhältnisse anzutreffen. Wir quälen uns die erodierten Skipüisten oberhalb von La Parva in der drückenden Hitze hinauf und haben Glück, dass uns einer der Lifterer in seinem PickUp mitnimmt. Endlich an der Laguna de La Parva denken wir es ist nicht mehr weit. Das GPS zeigt 5km Luftlinie an, doch zwischen uns und dem Basislager liegen noch 3 Täler. Quer zur Route. 6 Stunden und 1300hm später -gefühlt mit Gepack und Unlust ca. 2500- finden wir einen schönen Zeltplatz am Basislager La Hoya. Einzig Wasser ist nur in mangelhafter Qualität verfügbar und Verena ist ewig unterwegs bis sie brauchbares, klares Wasser findet. Der nächste Tag beginnt früh, vier oder 5 Stunden später sind wir im Lager 1. Der abwechslungsreiche Weg ist unproblematisch, einzig der viele Schnee lässt gelegentlich anstrenge Querungen in Schnee- oder Matschfelder aufkommen. Das Hochlager ist perfekt gelegen. Ein Panoramablick nach Westen in den Sonnenuntergang, nach Süden der Anstieg zum Plomo zu den anderen Seiten steile Fels und Eiswände. Fliessendes Wasser finden wir wieder erwarten auch...was will man mehr.

Gegen 7 Uhr am Abend, wir wollen gerade zu Bett gehen, frischt der Wind auf. zunächst nur eher schwach, doch schon bald wird das Zelt recht ordentlich hin und hergebeutelt. Wir schlafen kaum eine Stunde in dieser Nacht. um 3 geht der Wecker, doch ohne nur aus dem Zelt zu schauen ist klar, dass es bei diesem Wind nicht geht. Um 5 geht der Wecker ein zweites mal. Der Wind bläst noch genauso unablässig, doch zwei Lampen, die sich die Serpentinen am Normalweg hochschlchlängeln lassen meinen Ehrgeiz aufkommen. Wir kochen Cappucino, eine Powerbar, ein Gel und wir sind auf dem Weg. Wir sind gut akklimatisiert, können uns auf 4500m noch bewegen wie auch zu Hause in den Alpen und haben die beiden Chilenen, denen die Lampen gehörten in einer Stunde üeberholt. Der Wind hat scheinbar nachgelassen, doch als wir die Steilflanke unterhalb des Plateaus (ca. 4900m) hoch gehen wird der Wind mit jedem Schritt stärker. Eine halbe Stunde später stehen wir im Orkan. Die Augen kann man vor lauter Eis das durch die Luft fliegt kaum noch aufhalten und kalt ist es sowieso seit Stunden. Im ersten Tageslicht sehen wir von Osten dunkle, kompakte Wolken heranziehen. Der Schreck vom San Jose lässt uns dann -aus heutiger Sicht zu früh- umkehren. Um acht Uhr morgens liegen wir wieder im Zelt, später vernichten wir die Vorräte und machen uns vollgefuttert an den Abstieg. Wir wollen sofort nach Santiago und ziehen die 17 Kilometer und 1300hm (ja! auch im "Abstieg" warten die! was für ein Scheiss; diesmal geht man nämlich die Talseiten heinauf, die man im Zustieg hinabgelaufen ist...) in 6 Stunden durch. In der Nähe der Laguna La Parva treffen wir Leute mit einem Jeep. Sie kommen von der Eleonara, und für Chilenische Bergsteiger ist es ganz selbstverständlich, dass sie uns mir nach Santiago nehmen. Ich sitze im Jeep und bin glücklich: Es ist nicht so richtig normal eine Mitfahrgelegenheit z.B. aus der Eng nach München zu bekommen; man riecht schon nach den paar Tagen wie ein nasser Otter...