Die
Einreiseformalitäten in Mineralnye Voldi sind wie im kalten
Krieg. Nach unserem Direktflug von München starren wir mehr
als 2 Stunden an die Zollhäuschen, in stiller Ungeduld schwitzen
wir vor uns hin und erwarten eine Flut von Stempeln. Schtamp. Ein
Voucher fehlt. Liegt in Unterhaching. Wir lügen uns was zurecht
und nach beklemmender Diskussion plötzlich: "welcome to
Russia". Das Wort "Voucher" wird uns verfolgen. Noch
bei der Ausreise wird man nach ominösen Vouchern gefragt: man
zieht irgendeinen Zettel raus - was draufsteht kann man ja nicht
lesen - und es passt auf wundersamer Weise. Es sollen noch viele
Stempel folgen. Am nächsten Tag sind wir schon auf dem kleinen
Azau Gletscher. Der Normalweg sieht nicht einladend aus; erodierte
Skipisten und Moränenrücken lassen die Entscheidung für
einen Umweg leicht fallen. Nachmittags pickeln wir zum Zeitvertreib
- bloß nicht anstrengen, zu lange oder zu hohe Etappen usw
- im Gletscherbruch herum als uns der erste Hagelschauer erwischt.
Helme wären jetzt recht. Gegen das Gewitter, das uns die halbe
Nacht wach hält ist es nichts.
Es geht weiter über den Gletscher, hinauf zu den Garabashi Wohntonnen. Auf
halbem Weg fällt Uli in eine Spalte. Klassisch: Aperer Gletscher mit Schneeflecken.
Natürlich gehen wir ohne Seil. Nur eineinhalb Meter breit ist die Schneebrücke,
Martin und ich sind mit einem lagen Schritt drüber, Uli passt nicht auf,
tappt mittenrein und zack, das war`s. Kommt das Seil auch mal aus dem Rucksack,
es ist das einzige mal das wir es brauchen. Wir zelten heute auf ca. 3500m, das
Gewitter kommt schon um 15 Uhr, so heftig und nah, dass ich ernsthaft Angst bekomme.
Die Donner sind Weltkriegsfilmen entliehen, sie folgen sofort auf die Blitze.
Es Schneit. Am nächsten Morgen wieder strahlender Sonnenschein, 15cm Neuschnee
und eine Kolonne von 105 russischen Bergsteigern. Jeder denkt dasselbe: hoffentlich
haben wir die am Gipfeltag nicht vor uns.
Wir sind auf 4000m; hier wollen wir zwei Nächte bleiben um uns zu akklimatisieren.
Der erste Ausflug geht etwas über die Prjiut 11 Hütte, vielleicht auf
4400m. Wir merken uns mögliche Zeltplätze, vor allem rechts hinter
den Felsen sieht es windgeschützt und halbwegs eben aus. Es läuft wunderbar,
wir sind durchaus flott unterwegs, haben keine Beschwerden. Vielleicht deshalb
ließ sich Uli hinreißen, Nachts um 10 einen spontanen Gipfelversuch
vorzuschlagen. Klar, das Wetter ist einmalig... . nach langer Diskussion stehen
wir draussen und schmelzen für die nächsten drei Stunden Eis. Um 1
Uhr nachts geht es los. In ca. 30 Minuten zur Prijut, gute Zeit! Geht doch! Jetzt
wird's unangenehm: kurz über Prijut, auf ca. 4400m weht ein steter Westwind,
heute richtig flott. Manchmal wird man einfach um einen Schritt nach rechts versetzt.
Zusammen mit den -15°C ist es wirklich frisch. Endlich um 5 der Sonnenaufgang.
Wir freuen uns über die Heizung, die bald um die Ecke kommt und sind überwältigt
vom goldroten Kaukasus, ich halte alle paar Meter an um zu prüfen, ob es
schon hell genug ist für ein Foto. Als es hell genug ist kam eine Keule über
mich. Mir war noch nie so schlecht. Ich wieß: noch 100 Meter und ich werde
einfach ohnmächtig. Die Uhr sagt 5000m an und es geht nichts mehr. Uns alle
erwischte es mehr oder weniger gleichzeitig, innerhalb von 20 Minuten ist's erledigt.
Abstieg. Wir sind noch vor 8 Uhr morgens an den Zelten. Unsere Nachbarn haben
nicht mal mitbekommen, das wir weg waren. Wir sind ganz schön fertig. Vor
allem der Abstieg ist schlimm. Macht mir normalerweise wenig aus, aber hier muss
ich alle paar Minuten anhalten, mich umdrehen, rumstehen und unmotiviert schauen.
Ich sehe Martin, zwei, sogar dreihundert Meter unter mir. Wie kann der Kerl nur
so schnell absteigen? Mir treibt's die Knie in den Bauch und er spaziert runter.
Unfair. Am Nächsten Morgen wird klar, dass uns das Benzin ausgehen wird.
Wie kann man nur innerhalb von 5 Tagen 4 Liter Benzin durchlassen? Gut, das Schneeschmelzen,
der ständige Wind... wie auch immer: Wir steigen runter ins Tal. Tatjana
füllt uns noch mal zwei Liter rein, während wir in den Ort gehen. Schaschlik!
Wunderbar.
Tags darauf tragen wir zusätzlich zu unseren 20kg Rucksäcken einen
Mordskater mit den Berg hinauf. Die zweite Etappe fahren wir mit der Seilbahn.
Wir sind das Stück ja schon gegangen und denken deshalb das es fair wäre
die Hilfe in Anspruch zu nehmen, vor allem bei dem Kopfweh. Diesmal lassen wir
uns mehr Zeit. Auf 4500m pickeln wir zwei wunderbare Zeltplätze aus dem
Eis. Von hier werden wir losgehen, aber erst morgen. Wir nennen den gescheiterten
Gipfelversuch jetzt "Akklimatisationstour mit Gipfeloption" und sind
guter Dinge.
Start um Drei Uhr. Peder und Jan holen uns ab. Bei klarem Sternenhimmel und -5°C
haben wir den Trumpf gezogen. Kaum Wind! Wir sind schnell an den Pastuchov Felsen
auf ca. 4800m, dann bald auf 5000m, die Sonne geht auf. Mittlerweile ist der
Wind wieder da. Ich bete die Sonne soll schneller machen, meine Wangen sind so
kalt, ich traue mich nicht sie warmzureiben, weil ich die Handschuhe ausziehen
müsste. Die Maske liegt im Zelt. Die Querung unter dem Ostgipfel zieht sich
ewig, geht aber irgendwann vorüber. Jetzt, auf 5400m zieht es richtig an:
Immer steiler geht es hinan, aber auch das geht vorbei. Ich bin schon seit einiger
Zeit im 20-Schritt-30-Sekunden-Pause Rhythmus. Ich überhole sogar noch welche,
aber Zeit spielt schon lange keine Rolle mehr. Der Gipfel ist eine einzige Freude.
Klein, wenig steil. Der Zipfel eines Plateaus. Um 9:43 sind wir oben auf 5642m,
dem höchsten Punkt Europas.
Die Organisation
vor Ort, also Visum, Transfer vom Flughafen, Regisitrierung bei den
Behörden
usw. wurde von Pilgrim
Tours (wir hatten das "Elbrus lite-package") durchgeführt.
Wir waren sehr zufrieden. |
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